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SR093: Beiträge zur Landwirtschaftlichen Raumplanung

Franz Greif, Sophie Pfusterschmid, Klaus Wagner

Raumplanungsverantwortliche in vielen Ländern beklagen seit Jahrzehnten, dass ein sparsamer Umgang mit landwirtschaftlichem Grund und Boden eine Ausnahmeerscheinung sei. Wohl ist es in Österreich gelungen, die noch vor wenigen Jahren extrem überdimensionalen Baulandwidmungen zurückzustutzen, auf eine allgemein gültige Vorgangsweise oder auf ein verbindliches Instrument der Bodennutzungskontrolle konnte man sich bisher aber nicht einigen. Dabei fehlte es auch nicht an politisch hochrangigen Forderungen nach einer Neuregelung der Sicherung landwirtschaftlicher Grundstücke:

  • die Ziele der Österreichischen Raumordnungskonzepte (1991 und 2001) haben in ihren Grundsätzen ausdrücklich den Flächenfresser freistehendes Einfamilienhaus und den Zersiedlungsfaktor Baulandhortung im Visier, weshalb die Planung für den Freiraum der für das Bauland gleichwertig sein soll;
  • schon vor über 20 Jahren hat der Rat der OECD den Mitgliedstaaten Empfehlungen vorgelegt, die die „Rolle der Landwirtschaft in Planung und Management peri-urbaner Gebiete“ betreffen und den bestmöglichen Schutz der agrarischen Bodennutzung fordern.

In der Literatur finden sich weiters zahlreiche und schlagend begründete Aufrufe einerseits zum Erhalt der Flächenbasis für die Landwirtschaft und anderseits zur Bewertung von Umweltwirkungen, die von landwirtschaftlichen Flächen ausgehen.

Daraus ergibt sich die Aufgabe, ein Planungsverfahren zu entwickeln, welches geeignet ist, der ländlichen Kulturlandschaft mehr Schutz als bisher angedeihen zu lassen. Diese Aufgabe wurde zum Inhalt eines INTERREG IIC-Projektes (97.005/A – „Natural Resources”), welches von 18 Arbeitsgruppen in vier Ländern durchgeführt wurde.

Der Ausgangspunkt ist, dass Agrarland – oder besser die Kulturlandschaft des ländlichen Raums – zahlreiche Wirkungen entfaltet, die weit über die „simple” Produktion von Nahrungsmitteln und Rohstoffen hinausreichen. Diese Wirkungen umfassen:

  • die Produktionsleistung, im Prinzip nur eine von mehreren Funktionen des Agrarlandes,
  • Effekte auf Wasser und Böden im Sinne des Ressourcenschutzes,
  • den Schutz von Objekten (Siedlungen, infrastrukturelle Anlagen) vor Naturgefahren (Lawinen, Überflutungen, Erosion, Steinstürze),
  • die Erhaltung der Artenvielfalt im gesamten natürlichen Lebensraum,
  • die Erhaltung der landschaftlichen Schönheit und damit die Bewahrung ihrer Eignung für Erholung und Tourismus,
  • Gliederungseinflüsse im Gemenge der Flächennutzungskategorien: Abschirmung oder Trennung störender Nutzungen (Industrieareale in der Nachbarschaft von Wohnsiedlungen, Bergbaugelände).

Aufgabe des landwirtschaftlichen Teilprojektes der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft war es, ein System zur Planung dieser Wirkungen zu entwickeln und dieses an einem regionalen Beispiel praktisch anzuwenden. Ähnlich dem System des Waldentwicklungsplanes sollten auch die Landwirtschaftsflächen Österreichs einer Funktionsbewertung unterzogen und nicht nur nach ihrer materiellen Produktionsleistung beurteilt werden. Im Verlauf des Projektes wurde daher ein Bewertungsverfahren für den Gesamtkomplex an „Agrarraumwirkungen“ landwirtschaftlich genutzter Flächen entwickelt, anhand dessen der Einfluss der Landwirtschaft auf Funktionen der Kulturlandschaft im öffentlichen Interesse feststellbar ist. Es sollte weiters herausgefunden werden, wie die Bewertungsverfahren unterschiedlicher Fachbereiche schon während des Planungsprozesses aufeinander abgestimmt werden können.

Das von der Bundesanstalt systematisch entwickelte Bewertungsverfahren wurde am Beispiel von sieben Gemeinden des Marchfeldes (Nordöstliches Flach- und Hügelland) erprobt. Bezugseinheit zur Erfassung der Funktionen sind sogenannte Funktionsflächen; sie stellen einen „kleinsten gemeinsamen Nenner“ von Gebietseinheiten dar, die unter Berücksichtigung der naturräumlichen Differenzierung und – soweit möglich – auch mit Rücksicht auf eine allfällige Homogenität der Bodennutzungsverhältnisse, der Siedlungsverteilung sowie auch der Verwaltungsgliederung abgegrenzt wurden. Die Bewertungen der einzelnen Funktionen wurden für jede Funktionsfläche individuell durchgeführt, getrennt in mehrstufigen Funktionskarten dargestellt und in einer kartographischen Synthese zusammengefasst.

Das Ergebnis zeigt, dass es aufgrund zahlreicher konkurrierender Nutzungen in diesem Gebiet zur Häufung von Nutzungskonflikten kommt; Fakten sind:

  • intensive Landwirtschaft, die eine intensive Bewässerung erforderlich macht,
  • Grundwasser mit erhöhten Nitratwerten,
  • geringer Waldanteil bei bedeutender Winderosionsgefährdung,
  • hoher Siedlungsdruck infolge relativ niedriger Baulandpreise,
  • hohes Verkehrsaufkommen infolge der Nähe zur Bundeshauptstadt,
  • Erdölförderung und Schotterabbau auf großen Flächen.

Somit ist zu konstatieren:

Schon im kleinen Beispielsgebiet des Marchfeldes – das im großräumigen Vergleich mit an-deren Regionen jedoch „raumstrukturell“ relativ einheitlich ist – waren wichtige Unterschiede in Umfang und Ausprägung von multifunktionellen Wirkungen festzustellen, die der Landwirtschaft hier zugewiesen werden können:

So sind beispielsweise am Rand des Hügellandes (Beispiel Auersthal) die einzelnen Wirkungen stark aneinander gekoppelt. Sowohl die Nutzwirkung als auch die Lebensraum-, Erholungs- und Raumgliederungswirkung erzielen hohe Werte.

Hingegen erfährt auf höheren Terrassen (Beispiel Weikendorf) fast ausschließlich die Nutzwirkung eine höhere Bewertung. Hier wäre zu untersuchen, ob diese hier faktisch ausschließliche Spezialisierung der Landschaft auch einem Leitbild für diese Region entsprechen kann. Die Nutzfunktion ist prinzipiell nur eine unter mehreren Funktionen und nicht an jedem Standort die wichtigste. Dennoch kommt ihr eine Sonderstellung zu, da die übrigen Funktionen ohne die landwirtschaftliche Nutzung wegfielen bzw. andere Ausprägungen zeigen würden.

Im Nahbereich von Siedlungen treten die naturgebundene Naherholung, der Schotterabbau oder auch die Raumgliederungswirkung in den Vordergrund.

In manchen Fällen (Beispiel der Funktionsfläche „Gänserndorf-Siedlung“) wird trotz der für diesen Raum typischen Produktionsgunst wegen der hier lediglich gering bewerteten Nutzfunktion am ehesten mit einer Aufgabe der Bewirtschaftung zu rechnen sein (Nut-zungskonkurrenz zwischen Landwirtschaft und Siedlungsentwicklung). Dies wäre jedoch dann nicht im öffentlichen Interesse, wenn man gerade hier – und aus welchen Gründen auch immer – die wichtigen anderen Funktionen der Landwirtschaft erhalten möchte.

Abschließend ist festzustellen, dass anhand des vorgestellten Bewertungsverfahrens auch Auswirkungen von (geplanten) Veränderungen der Bodennutzung abgeschätzt werden können, denn es ist auch eine Simulation von Auswirkungen unterschiedlicher Landnutzungsszenarien möglich. Dazu gehören im Untersuchungsgebiet insbesondere auch geplante Auf-forstungen, deren Beurteilung in diesem niederschlagsarmen Gebiet jedoch keineswegs einfach ist und nicht von vornherein zugunsten der Waldentwicklung ausfällt.

Von besonderer Bedeutung ist letztlich die Harmonisierung mitunter äußerst unterschiedlicher Standpunkte bei der praktischen Vorgangsweise der Funktionsbewertung. Dies betrifft – national gesehen – die Abstimmung von Zielen und Vorstellungen flächenbezogener Nutzungs- oder auch Entwicklungsinteressen der Agrarwirtschaft, der peri-urbanen Raumplanung, des Zivil- und Katastrophenschutzes sowie der Umwelt- und Gesundheitspolitik.

International betrachtet muss die Funktionsflächenbewertung erst noch ein solches Generalisierungsniveau erreichen, dass auch sehr unterschiedliche Kulturlandschaften trotz ihrer nahezu unüberschaubaren Vielfalt doch in vergleichbarer Weise analysiert und nach Möglichkeit auch evaluiert werden können. Vielleicht kann dabei das Wissen helfen, dass die Qualität der Lebensbedingungen in den meisten der bewohnten Weltgegenden heute sehr ähnlich sind und daher die Sorgen um diese durchaus als „globalisiert“ gelten dürfen.

Team

PFUSTERSCHMID, Sophie

DI.in Sophie PFUSTERSCHMID

Agrar-, Umwelt- und Ernährungssysteme
WAGNER, Klaus

DI Klaus WAGNER

Berggebietsforschung und Regionalentwicklung
Dietrichgasse 27
1030 Wien
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