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SR035: Lebenseinstellung und Zukunftserwartungen der ländlichen Jugend

Josef Mannert

Der relativ kurze Lebensabschnitt, den man allgemein als Jugend bezeichnet, ist eine besonders kritische und für das weitere Leben sehr wichtige Phase. Die Entscheidungen über die Berufsausbildung, der Eintritt in das Berufsleben, die Gründung einer eigenen Familie und viele andere Veränderungen fallen in diese Zeit.

Jugend umfaßt aber mehr als die Bereiche Schule, Beruf und Freizeit; auch die familiären Beziehungen gestalten sich im Vergleich zur Kindheit tiefgreifend um. Die Positionen Vater und Mutter werden plötzlich anders gesehen, die Wertbereiche Autorität und Partnerschaft prallen aufeinander wie kaum in einem anderen Lebensabschnitt.

Diesen familiären Sozialbeziehungen stehen außerfamiliäre soziale Gruppen gegenüber: Bekannte und Freunde, nicht zuletzt der andersgeschlechtliche Partner, werben plötzlich um die Gunst des Jugendlichen. Dadurch bewegt sich der junge Mensch in einem dreifachen Spannungsfeld: im schulisch-beruflichen, im familiären und im Freizeit-Wirkungsbereich. Überlagert und begleitet werden diese Spannungsfelder vom allgemeinen sozialen Wandel, der auch vor der ländlichen Gesellschaft nicht haltmachte.

Über diese Situationen, die Denkweisen, die Verhaltensmuster und die Zukunftserwartungen der ländlichen Jugend gab es in Österreich bisher kaum umfassende wissenschaftliche Untersuchungen Das Agrarwirtschaftliche Institut des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft hat deshalb im Rahmen seines Forschungsprogrammes eine diesbezügliche Studie durchgeführt. Fast 2.000 ländliche Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 Jahren in 43 Gemeinden des gesamten Bundesgebietes wurden mittels eines standardisierten Fragebogens über die Bereiche Allgemeine Kenndaten/ Elternhaus/Familie, Ausbildung/Beruf, Sozialkontakte/Freizeit, Bildung/Information, Kirche/Glauben/Sittennormen, Landwirtschaft und ländlicher Raum befragt. Die Gemeinden wurden nach Typen untergliedert in Agrar- und Nichtagrargemeinden sowie nach Subtypen in Grenzland- und Fremdenverkehrsgemeinden.

Die Sozialkontakte innerhalb der ländlichen Familie dürften nach den vorliegenden Ergebnissen im großen und ganzen reibungslos funktionieren: 37 % geben an, häufig ein Gespräch mit den Eltern über persönliche Dinge zu führen, 44 % tun dies manchmal. Je kinderreicher die Familie ist, desto stärker verlagert sich die familiäre Kommunikation in die Geschwisterschar. Nicht leicht zu interpretieren ist das Durchsetzungsvermögen der Jugendlichen gegenüber ihren Eltern: drei Viertel der Eltern lassen die Argumente ihrer - fast erwachsenen - Kinder nur eingeschränkt, ein Fünftel läßt sie uneingeschränkt gelten. An Konfliktbereichen treten in der ländlichen Familie folgende Aspekte in den Vordergrund: Nachhausekommen am Abend, finanzielle Dinge und Äußerlichkeiten (Kleidung, Frisur usw.).

Was die Berufswahl betrifft, so scheint die ländliche Jugend eine beträchtliche Eigenständigkeit aufzuweisen, denn 47 % haben ihre Schulausbildung und den Beruf allein gewählt; gemeinsam mit den Eltern taten es 38 %. Die berufliche Fluktuation der Jugendlichen ist als gering zu bezeichnen. Fast drei Viertel der Berufstätigen sind im erlernten Hauptberuf tätig. Damit einher geht auch eine große Berufszufriedenheit: 60 % sind mit ihrem Beruf voll und 38 % immerhin teilweise zufrieden.

Hinsichtlich der Sozialkontakte zur ländlichen Mitwelt spricht vieles dafür, daß die Landjugend in der dörflichen Gemeinschaft voll integriert ist. Über drei Viertel haben einen engen Freund, 95 % geben an, weitere Freunde mit loser Bindung zu besitzen. Der Anteil jener jungen Leute, die sich gesellschaftlich isoliert fühlen, ist mit 6 % sehr gering. Die relativ dünne ländliche Besiedlung scheint also der Isolation kaum mehr Vorschub zu leisten; Verkehrserschließung und Motorisierung, aber auch die Telekommunikation wirken sich auf die Sozialbeziehungen befruchtend aus.

Freizeit hängt eng mit den außerfamiliären Sozialbeziehungen zusammen. Die "Sozialisation" der ländlichen Jugend, verstanden als Prozeß der Einordnung des einzelnen in die Gemeinschaft, scheint intensiv zu sein. Das findet seinen Ausdruck darin, daß die Landjugend sehr "vereinsfreudig" ist. Zwei Drittel sind in irgendeinem der zahlreichen ländlichen Vereine aktiv tätig. Am beliebtesten sind die Sportvereine (29 %), die Organisation "Landjugend" (23 %), kulturelle Vereine (ein Sechstel), die konfessionellen Jugendgruppen sowie die Feuerwehr (je ein Siebentel). Bevorzugte Freizeitstätten sind die eigene Wohnung ( 42 % der Antworten), das Café bzw. Gasthaus (13 %) und das Tanzlokal (10 %). Mit der Verehelichung ändert sich das Freizeitverhalten drastisch: der Freundeskreis verliert zusehends an Attraktivität, man zieht sich stärker auf die eigene Familie zurück. Was die Freizeitbeschäftigung selbst betrifft, so treten deutliche Unterschiede zwischen Burschen und Mädchen zutage. Bei der männlichen Jugend rangiert in der Wertreihung ganz vorne der Sport, bei den Mädchen der Bereich Ausruhen/Schlafen/Nichtstun. (Die Betrachtung der Freizeitstätten und der Freizeitbeschäftigung zusammen läßt darauf schließen, daß das Schlagwort von der "Disco-Jugend" für die ländlichen Jugendlichen nur in beschränktem Umfang zutrifft.)

Im allgemeinen ist zu beobachten, daß die sogenannten passiven Tätigkeiten vor den kreativen in den Vordergrund treten. Weiterbildung, Musizieren/Singen, Handarbeiten/Basteln u.ä. bilden die Schlußlichter der Freizeittätigkeiten. Politisches Interesse der Jugendlichen ist nicht häufig anzutreffen; nur rund ein Zehntel ist in einer politischen Partei aktiv tätig. (Wie aus einer anderen Frage deutlich wird, interessiert sich ein Drittel überhaupt nicht für Politik; falls Interesse dafür bekundet wird, deckt sich die politische Einstellung der Jugendlichen in den meisten Fällen mit der des Vaters. Man könnte sagen, die Landjugend identifiziert sich politisch weitgehend mit den Vorstellungen und Denkansätzen der älteren Generation; dies trifft insbesondere für die bäuerliche Jugend zu.)

Die Landjugend ist im allgemeinen bildungswillig und informationsbedürftig. Praktisch alle sind an den Geschehnissen der Zeit interessiert. Hauptinformationsquellen sind dabei Fernsehen und Zeitungen zu gleichen Teilen. Während Tageszeitungen von relativ vielen (37 %) Jugendlichen regelmäßig gelesen werden, spielen Romanhefte praktisch keine Rolle. Bedauerlicherweise zählt aber auch das Buch in manchen Teilgruppen der ländlichen Jugendlichen zum Stiefkind.

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