AWI

SR089: Die ländliche Sozialforschung in Österreich in den achtziger und neunziger Jahren

Werner Pevetz

"Ländliche Sozialforschung" ist der weitgespannte Inbegriff der wissenschaftlichen Bearbeitung aller Fragestellungen, die sich auf den Menschen im ländlichen Raum – also keineswegs nur auf die bäuerliche Bevölkerung – beziehen. Die ländliche Sozialforschung ist in ihren empirischen Verfahren im wesentlichen ein Teil der allgemeinen Sozialforschung, wobei sich allerdings aus den besonderen Verhältnissen im ländlichen Raum gewisse Abweichungen sowohl in methodischer als auch in thematischer Hinsicht ergeben. Dazu gehört insbesondere die große Bedeutung des Raumes, der auch in gesellschaftlicher Hinsicht strukturierend und differenzierend wirkt: In vielen sozialwissenschaftlichen Fragestellungen erweist sich der Raum als wichtigstes Differenzierungskriterium.

Der Begriff der ländlichen Sozialforschung (rural social research) ist wesentlich weitergefasst als jener der ländlichen "Soziologie" (rural sociology): Während letztere bei aller Vielfalt ihrer Interessengebiete weiterhin vor allem den Mechanismen des sozialen Wandels nachspürt, ist die Sozialforschung wesentlich stärker aufgefächert und reicht von der Sozialökonomik und Sozialstatistik bis hin zu Fragen des Gesundheitswesens und der Wohlfahrtspflege, der räumlichen und beruflichen Mobilität, des Arbeitsmarktes usw., schließt also demographische Fragen und statistische Untersuchungen von Wanderungsbewegungen ebenso ein wie die spezifisch soziologischen Themenbereiche.

Angesichts der schwachen institutionellen Verankerung der ländlichen Sozialforschung Österreichs im universitären Bereich gehören die Bundesanstalt für Agrarwirtschaft (BAWI) und die Bundesanstalt für Bergbauernfragen (BABF) – beide im Ressortbereich des Landwirtschaftsministeriums angesiedelt – zu den wichtigsten landsoziologischen Forschungseinrichtungen. Da an der agrarwirtschaftlichen Spezialbibliothek des BAWI auch seit den 60er Jahren intensive Dokumentationstätigkeit einschließlich der Erfassung der Zeitschrifteninhalte sowie der – im österreichischen Agrarbereich überwiegenden – "grauen" Literatur geleistet wird, erschien es naheliegend, mit der Herausgabe einer Dokumentation über die österreichische ländliche Sozialforschung im weitesten Sinne eine Lücke zu füllen und praktisch unbekanntes Material wenigstens einem begrenzten Kreis interessierter Fachleuchte bekannt zu machen.

Die erste Ausgabe dieser Forschungsdokumentation für den Zeitraum 1960-72 – die erste Phase einer nennenswerten Entfaltung der ländlichen Sozialforschung im Österreich der Nachkriegszeit – erschien 1974 und war bald vergriffen. Ebenso erging es der 10 Jahre später (1984) herausgegebenen, bereits deutlich umfangreicheren Ausgabe. Nunmehr, fast 20 Jahre später, einer Phase der stürmischen inhaltlichen und methodischen Weiterentwicklung dieses Fachgebietes, drängte sich abermals die Herausgabe eines analytischen Überblickes auf. Auch dieser Band konnte nur dank der regelmäßigen, intensiven Dokumentationsarbeit an der Bibliothek der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft sowie durch die regelmäßige Referiertätigkeit für das "Schrifttum der Agrarwirtschaft" zustande gebracht werden.

Ungeachtet des Bewusstseins unvermeidlicher Lücken bestand das Ziel in der möglichst vollständigen Erfassung aller inhaltlich einschlägigen Dokumente – von der sozialstatistischen Analyse über die Diplomarbeiten bis zum anspruchsvollen Forschungsbericht. Wie in den beiden vorangegangenen Ausgaben wurden von den "Universitätsarbeiten" nicht nur Dissertationen und Habilitationsschriften, sondern auch Diplomarbeiten berücksichtigt, die ja bei weitem in der Überzahl sind. Ihr Vernachlässigung hätte bedeutet, daß manche wichtigen Themen in dieser Übersicht kaum angeklungen wären. Natürlich sind sie wissenschaftlich von sehr unterschiedlichem Wert, manche bestenfalls Materialsammlungen, andere eigentlich schon Dissertationen. Es wäre daher auch ungerecht gewesen, diese umfangreiche Schrifttumskategorie allein auf Grund des formalen Merkmals "Diplomarbeit" unberücksichtigt zu lassen und ewiger Vergessenheit zu überantworten. Dieses Konzept schloss eine selektiv wertende Positiv-Auswahl – also eine Beschränkung auf die "wichtigen" Arbeiten – von vornherein aus. Vielmehr verfolgten wir eine Negativ-Auswahl: Ausgeschieden wurde offenkundige Sekundärliteratur (es sei denn, es handelt sich um Auszüge aus schwer zugänglichen Originaldokumenten in leichter zugänglichen Quellen), ferner ausgesprochen politisch-ideologische Verlautbarungen (gleich welcher Richtung!) sowie anderes irrelevantes Material. Ferner wurden nur Arbeiten über Österreich aufgenommen, u.zw. auch solche, die im Ausland bzw. in ausländischen Zeitschriften erschienen sind oder von Ausländern verfasst wurden, dagegen keine österreichischen Untersuchungen über das Ausland, z.B. über Länder der Dritten Welt.

Wie in den früheren Dokumentationen entschieden wir uns – wie wir glauben – im Einklang mit den überwiegenden Leserinteressen wiederum für eine thematische Feineinteilung des Materials in über 30 inhaltlich ausgerichtete Kapitel. Eine forschungsmethodische Gliederung hätte wenig gebracht, eine sinnvolle Materialzuordnung außerordentlich erschwert und die Interessenten an einem themenbezogenen Nachschlagewerk enttäuscht: Soweit es sich bei den dokumentierten Arbeiten überhaupt um "Forschungen" im strengen Sinne (und nicht etwa nur um Statistik-Auswertungen oder allgemeine "sozialphilosophische" Betrachtungen handelt), gehören sie zu über 80 % dem Befragungstyp oder – vor allem bei historischen Arbeiten – der Dokumentenanalyse an. Dem auch in Österreich sehr wichtig und ergiebig gewordenen Bereich der "oral history"-Forschung wurde als Methode wie als Themenbereich ein eigenes Kapitel gewidmet. Die "richtige" Zuordnung der einzelnen Arbeiten zu den Sachkapiteln war ein letztlich unlösbares Problem, weisen doch die meisten sozialwissenschaftlichen Arbeiten mehrere Aspekte auf. Die Zuweisung musste daher nach dem jeweiligen Hauptaspekt erfolgen; dieser erschien manchmal eindeutig, häufiger jedoch war dies nicht der Fall, sodass eine gewisse Willkür nicht zu vermeiden war. In sehr "ambivalenten" Fällen erfolgt ein Hinweis oder die Wiedergabe eines Teilaspektes im konkurrierenden Kapitel. Insgesamt wurde auf eine auch quantitativ einigermaßen ausgewogene Gliederung geachtet, um nicht einzelne Kapitel durch Überfrachtung unübersichtlich zu machen.

Insgesamt wurden im vorliegenden Band für die 80er und 90er Jahre nahezu 700 Dokumente inhaltlich ausgewertet und über 1.250 bibliographisch erfasst. Ein Teil der Differenz bezieht sich entweder auf Material, das vom Verfasser aus verschiedenen Gründen nicht eingesehen werden konnte, oder auf Sekundärliteratur zu im Text ausgewerteten Originalarbeiten. (Allein für die 70er Jahre waren 520 Arbeiten ausgewertet und 836 bibliographisch nachgewiesen worden – die wissenschaftlich-publizistische Produktivität in unserem Fachgebiet hat also offenbar abgenommen!) Thematisch hatte sich die ländliche Sozialforschung in Österreich insbesondere in den 10 Jahren zwischen der 1. und 2. Ausgabe dieses Forschungsberichtes, also von den 60er zu den 70er Jahren, kräftig entwickelt und verschiedene Defizite insbesondere im Bereich der empirischen Untersuchungen abgebaut. Erhebungen über zentrale Themenbereiche wie Landjugend, Landfrauen, Nebenerwerbsbauern usw., die bei der Bestandsaufnahme von 1972 überwiegend nur in Fußnoten für das Ausland festgestellt werden konnten, waren inzwischen – z.T. sogar mehrfach – auch in Österreich durchgeführt worden, und mit einer Altbauernbefragung hatte unser Land sogar eine gewissen Pionierleistung erbracht. Der Ausbau der Sozialstatistik im ÖSTAT nicht nur auf Grund der gewöhnlich nur alle 10 Jahre stattfindenden großen Zählungen, sondern in wachsendem Maße auf der Basis des Mikrozensus, hatte die Kenntnis der Lebens- und Sozialverhältnisse verschiedener Bevölkerungsgruppen ebenfalls wesentlich bereichert. Auch die Zunahme der z.T. mehrthematischen Umfragen seitens großer Meinungsforschungsinstitute förderte eine Fülle sozial und teilweise auch soziologisch relevanter Ergebnisse zutage.

Zwischen den Dokumentationen über die 60er und die 70er Jahre waren hinsichtlich der inhaltlichen Schwerpunkte die ausgeprägtesten thematischen Verschiebungen festzustellen gewesen, Ausdruck einerseits der Ausweitung und Differenzierung der ländlichen Sozialforschung, anderseits aber auch eines intensiv einsetzenden sozialen Wandels in den ländlichen Räumen. Äußerlich betrachtet, also in der Sicht der thematischen Gliederung, drängten sich im vorliegenden Bericht gegenüber dem vorangegangenen, keine derart tiefgreifenden Veränderungen auf. Weggefallen ist lediglich das (bereits für die 70er Jahre sehr kleine) Kapitel über Kirche und religiöses Leben am Lande. Explizit neu aufgenommen wurden diesmal Kapitel über Biographien ländlicher Menschen, das Selbst- und Fremdbild von Bauern, über den Komplex der "Identität", über Dorferneuerung sowie über ländliche Kultur und Volkskunde – Inhalte, die auch in der Dokumentation über die 70er Jahre bereits "anklangen", inzwischen jedoch sowohl in der Sache als auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung derartiges Gewicht erlangten, daß ihre ausdrückliche thematische Ausgliederung geboten erschien. Die Berücksichtigung volkskundlicher Arbeiten war im ursprünglichen Konzept dieser Dokumentationen bewusst ausgeschlossen worden. Inzwischen hat jedoch die Gegenwartsvolkskunde derart viele soziologische Aspekte in sich aufgenommen, daß eine völlige Nichtberücksichtigung dieses Bereiches nicht länger vertretbar erschien. Einen seit den 80er Jahren weitgehend neuen Bereich mit interessanten sozialwissenschaftlichen Aspekten aus dem Bereich der Aktionsforschung stellt die Dorferneuerung dar.

Weniger stark als die Veränderungen der inhaltlichen Gliederung als solcher erscheinen die quantitativen Schwerpunktsverschiebungen der in dieser Dokumentation erfassten Arbeiten. Einen ausgesprochenen "Wachstumsbereich" stellen mit zusammen fast 60 (70er Jahre: 11) analysierten Dokumenten die historisch-soziologischen und biographischen Arbeiten dar. Dagegen vermochten die "großen" Kapitel des vorangegangenen Berichtes ihr Gewicht weitgehend zu behaupten: Sozialstatistik + Binnenwanderungen 44 (70er Jahre: 33), Landfrauen + Landfamilie 45 (27), Landjugend 23 (19), Bauerntum 30 (36) – in diesem Bereich ist seit den 70er Jahren ein deutlicher Rückgang an "politisch-ideologischen" Studien festzustellen – Bergbauern 33 (40), ländliche Entwicklung 46 (48), Fremdenverkehr 40 (33) ... Stark zugenommen hat die Literatur über soziologische Aspekte des Natur- und Umweltschutzes sowie des ländlichen Fremdenverkehrs.

Jedes Kapitel wurde in sich so gegliedert, daß zuerst die allgemeinen, theoretischen sowie Österreich als ganzes betreffenden Arbeiten angeführt werden, während die regional zuzuordnenden Untersuchungen in der alphabetischen Reihenfolge der Bundesländer dargestellt werden. Dieses stark raumbezogene Einteilungsprinzip bewährt sich auch in bezug auf die gesellschaftlichen Aspekte des ländlichen Raumes, worin die ausgeprägte natur- und sozialräumliche Differenzierung Österreichs zum Ausdruck kommt: Trotz der von einer "kulturellen Urbanisierung" ausgehenden Nivellierungstendenzen hat die "Region" im ländlichen Österreich auch heute noch eine weit über das Geographische hinausgehende Bedeutung.

Die statistische Verteilung der dokumentierten Arbeiten nach Bundesländern sollte insofern nicht überschätzt werden, als hiebei auch Unterschiede im Ausmaß bzw. der Vollständigkeit der Erfassung eine Rolle spielen können; das dürfte insbesondere auf den – wie auch schon in der vorangegangenen Dokumentation – sehr geringen Anteil Vorarlbergs zutreffen, der sich kaum allein aus der geringen Größe unseres westlichsten Bundeslandes erklärt, denn er ist mit nur 11 Titelnachweisen lediglich halb so groß wie der des Burgenlandes; übrigens ist dies dieselbe Relation wie schon für die 70er Jahre. Im übrigen hat Tirol seine frühere Spitzenstellung an Niederösterreich mit nunmehr 94 ausgewerteten Arbeiten abgeben müssen und ist auf den 2. Platz zurückgefallen. Kärnten, Oberösterreich und Salzburg haben ihre Stellung im Bundesländervergleich behauptet; die in den 70er Jahren im Verhältnis zur Größe dieses Bundeslandes weit abgeschlagene Steiermark hat nunmehr ihren Anteil mit 43 Titelnachweisen mehr als verdoppelt und ist auf den ihr gebührenden 3. Platz in der Länder-Rangfolge aufgerückt.

Was die institutionelle Verankerung anlangt, wird ländliche Sozialforschung im weitesten Sinne in Österreich weiterhin überwiegend außerhalb des universitären Bereiches betrieben: Ihre Verankerung auf universitärer Ebene hat sich seit den 70er Jahren kaum verbessert. Immerhin besteht inzwischen am Institut für Wirtschaft, Politik und Recht der Universität für Bodenkultur eine Assistenzprofessur für "Agrarsoziologie". Auch am Forschungsinstitut für Alpenländische Land- und Forstwirtschaft der Universität Innsbruck wird in beschränktem Ausmaß "Agrarsoziologie" betrieben. Während die Institute für Soziologie an den Universitäten Graz, Innsbruck, Salzburg und Wien nur gelegentlich und außerhalb systematischer Forschungsprogramme Diplomarbeiten und Dissertationen landsoziologischen Inhaltes durchführen lassen, haben die Sozialhistoriker inzwischen auch in Österreich in Zusammenhang mit dem Aufschwung der historischen Familienforschung und von "oral history" starke Beziehungen zum ländlichen Raum entwickelt, die ihren Niederschlag auch in beachtlichen Werken bzw. Forschungsprojekten gefunden haben.

In methodischer Hinsicht wurde bei den gegenwartsbezogenen empirischen Untersuchungen in aller Regel irgendeine Befragungsmethodik angewandt, vom vollstrukturierten über den halbstrukturierten Fragebogen bis hin zum mehr oder minder freien Gespräch. Sehr selten sind demgegenüber verhaltenswissenschaftliche Ansätze (teilnehmende Beobachtung), was übrigens für die soziologische Forschung im allgemeinen gilt: diese sind sehr zeitaufwendig und jeweils an einen Ort gebunden (in einer bestimmten Zeit kann ich viele Bauern usw. befragen, aber nur einen beobachten!). Vielfältiger sind erwartungsgemäß die theoretischen Konzepte; in einer besseren theoretischen Fundierung äußert sich eine der wichtigsten Weiterentwicklungen der ländlichen Soziologie in den 80er und 90er Jahren. Allerdings hat man bei manchen Arbeiten universitärer Herkunft weiterhin das Gefühl, sie wurden ohne wirkliches Engagement hauptsächlich durchgeführt, um ein bestimmtes Theorem zu "testen". 5 theoretische Ansätze seien besonders herausgestellt: die Theorie und Praxis von "oral history", die Anwendung feministischer Konzepte in der Landfrauenforschung, das Identitätskonzept, politikwissenschaftliche Ansätze, sowie die Aktionsforschung, letztere hauptsächlich in Bezug auf Bildung, Emanzipation, Dorferneuerung und "endogene" Regionalentwicklung. Prof. Vogel an die Universität für Bodenkultur bemüht sich intensiv um die methodische "Aufrüstung" seiner Studenten.

Im einführenden Gesamtüberblick erfolgt auch eine Übersicht über offene Forschungsfragen. Derer gibt es angesichts der sich beschleunigenden Dynamik des Wandels in der Landwirtschaft und den ländlichen Räumen eine Fülle, zumal ständig neue Probleme auftauchen und "alte" Fragen sich neu stellen. Viele davon wurden und werden in der seit den 70er Jahren bestehenden "Arbeitsgemeinschaft ländliche Sozialforschung" diskutiert, in deren Rahmen auch eine Umfrage über mögliche Themen für die ländliche Sozialforschung in Österreich erfolgte. Zahlreiche der damals formulierten Fragen wurden seither wenigstens in Teilaspekten bzw. für einzelne Regionen beantwortet, andere sind überholt bzw. neu zu formulieren, andere indessen weiterhin offen und von unverminderter, z.T. sogar erhöhter Aktualität.

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