BAB-Report

BAB Report 009: ÖKO-SCHU-WA – Die Bedeutung des Schutzwaldes in ausgewählten Flächenwirtschaftlichen Projekten

Eine qualitative Untersuchung in den vier Fallbeispielregionen Loser, Heuberg, Kals und Brandberg

Im Forschungsprojekt „Die Bedeutung der Schutzwälder in Österreich und ihre regional- und volkswirtschaftliche Relevanz“ (ÖKO-SCHU-WA) wurde die Funktion von Schutzwäldern als natürliche Barrieren gegen Naturgefahren wie Lawinen, Steinschlag und Rutschungen untersucht. Im Zentrum der sozialwissenschaftlichen Erhebungen standen vier Fallbeispielregionen mit Flächenwirtschaftlichen Projekten (FWP): Loser (Steiermark), Heuberg (Vorarlberg), Kals (Osttirol) und Brandberg (Tirol). Diese Regionen zeichnen sich durch unterschiedliche Eigentumsstrukturen, Naturgefahren, forstliche Bedingungen und sozioökonomische Kontexte aus, die sowohl Parallelen als auch Unterschiede aufweisen. Ziel war es, Maßnahmen zum Erhalt und zur Verbesserung der Schutzwirkung der Wälder zu erheben und zu analysieren, wie gesellschaftliche, ökologische und institutionelle Faktoren zusammenwirken.

Zur Vorbereitung wurden raumbezogene Analysen auf Basis von Planungsunterlagen, Gefahrenzonenplänen und historischen Daten durchgeführt. Es folgten qualitative Interviews mit Akteur:innen vor Ort wie Bürgermeister:innen, Förstern, Vertretern der Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV), Waldeigentümer:innen, Vertreter:innen von Jagdgenossenschaften und Tourismus sowie von zivilgesellschaftlichen Organisationen. Die Auswertung erfolgte mittels computergestützter Software und theoretisch bezog sich das Projekt auf den Sozialkonstruktivismus nach Berger und Luckmann ([1969] 2010), wonach gesellschaftliche Wirklichkeit nicht objektiv gegeben, sondern sozial ausgehandelt ist.

In allen Regionen besteht ein hohes Bewusstsein für Naturgefahren („Risikowahrnehmung“), insbesondere bei älteren, lokal verankerten Bevölkerungsgruppen. Jüngere Menschen oder der Personenkreis, der keinen Bezug zur Land- und Forstwirtschaft hat, zeigen hingegen oft geringere Risikosensibilität. Die beobachtete Zunahme von Starkregenereignissen und deren Folgen (Rutschungen, Muren, u.a.) werden mit Sorge und manchmal mit einem Gefühl der Ohnmacht betrachtet. Das Risiko von schadbringenden Lawinenereignissen ist der Bevölkerung bekannt und historisch überliefert. In diesem Zusammenhang genießen Institutionen wie Lawinenkommissionen einerseits hohes Vertrauen, tragen aber andererseits auch eine große Verantwortung.

Die Schutzwälder sind objektiv durch eine Vielzahl von biotischen und abiotischen Risikofaktoren in ihrem Bestand bedroht. Dazu zählen die fehlende Verjüngung durch Wildverbiss, die Überalterung der Bestände, das regionale Vorherrschen von Monokulturen (Fichte) mit geringer Resilienz sowie das vermehrte Auftreten von klimabedingten Extremereignissen (Starkregen, Windwürfe). Eine adäquate Problemwahrnehmung von möglichen Schadereignissen ist jedoch, auch durch Wissensdefizite in der Bevölkerung über die Funktion von Schutzwäldern, zu wenig ausgeprägt. Dazu tritt noch das zentrale Problem einer heterogenen Eigentümer:innenstruktur auf. In Regionen mit vielen „waldfernen“ Kleinwaldeigentümer:innen und Servitutsberechtigten am Waldeigentum ist die Bewirtschaftung fragmentiert und wenig professionell. Das Amt des Waldaufsehers in Tirol und Vorarlberg nimmt daher eine wichtige Beratungs- und Vermittlerrolle in den Gemeinden ein.

Besonders in den Bereichen Wald-Wild-Tourismus kommt es häufig zu Interessens- und Nutzungskonflikten. Ein überhöhter Wildbestand und der daraus resultierende Verbiss verhindert die Waldverjüngung. Während in den Fallbeispielregionen Loser und Brandberg die Österreichischen Bundesforste (ÖBf) Allein- oder Mehrheitseigentümerin ist und diese den Wildbestand durch Regiejagden reguliert, zeigen sich in anderen Fallbeispielregionen massive Probleme wie am Heuberg. Auch punktuell auftretende touristische Aktivitäten wie etwa Skitouren-Gehen oder Mountainbiking verursachen Störungen in Schutzwaldgebieten. Oftmals entzünden sich Konflikte über Jagdpraktiken oder die unzureichende Umsetzung der wegebaulichen Erschließung.

In den Fallbeispielregionen sind die Forstwirtschaftlichen Projekte in unterschiedlichem Maße in der örtlichen Bevölkerung bekannt. Dies mag auch daran liegen, dass die tatsächlich Betroffenen und Beteiligten zumeist ein kleinerer fachlich qualifizierter Personenkreis sind. Bedeutung und Notwendigkeit der Projekte finden jedoch auch darüber hinaus Akzeptanz und die Schutzwirkung des Waldes erfährt eine breite Wertschätzung..

Aus den Befragungen ergeben sich mehrere konkrete Handlungs- und Lösungsoptionen:

  • Übersetzung von Fachwissen ins Alltagswissen: Es braucht Personen, die technisches und forstliches Wissen verständlich an die Bevölkerung vermitteln und so das Bewusstsein für den Schutzwald stärken.
  • Partizipation und Mediation: Die Bevölkerung sollte stärker in Planung und Umsetzung der FWPs einbezogen werden. Bei Konflikten kann externe Mediation helfen.
  • Transparenz: Entscheidungsprozesse und Maßnahmen müssen nachvollziehbar und offen kommuniziert werden.
  • Aufbau sozialen Kapitals: Kooperation, Vertrauen und Engagement lokaler Akteur:innen (z.  Bergrettung, Feuerwehr) erhöhen die Resilienz gegenüber Schadereignissen.
  • Bewusstseinsbildung: Öffentlichkeitsarbeit, Themenwege, Lehrpfade und waldpädagogische Angebote können Wertschätzung für Schutzwälder fördern – auch bei Kindern und Jugendlichen.
  • Waldaufseher-Modelle aus Tirol/Vorarlberg sollten auch in anderen Regionen mit hohem Kleinwaldbesitz etabliert werden, um professionelle Unterstützung vor Ort zu sichern.
  • Projektwarte: Diese können als „Schnittstellenakteure“ zwischen Jagd und Forst vermitteln und zur Reduktion von Wildschäden beitragen.
  • Besucherlenkung: Routenführung für Skitourengeher:innen und Mountainbiker:innen ist wichtig, um Schutzwälder zu entlasten.
  • Staatliche Förderung: Die finanzielle Förderung der Schutzwaldsanierung und -erhaltung durch die öffentliche Hand wird von den Befragten in Zeiten des Klimawandels als sehr wichtig eingestuft. Eine Abgeltung von Schutzmaßnahmen durch Objekteigentümer:innen wird von den Befragten als nicht praktikabel angesehen.
  • Schutzwald als günstigste Schutzmaßnahme: Ein gesunder Schutzwald ist ökologisch und ökonomisch effektiver als rein technische Schutzbauten, die langfristig nicht finanzierbar und funktional begrenzt sind.

Das Projekt ÖKO-SCHU-WA zeigt deutlich, dass Schutzwälder bzw. Objektschutzwälder unverzichtbare Lebens- und Sicherheitsräume in den Alpen darstellen. Deren Erhaltung und Pflege erfordern jedoch nicht nur forstliches Fachwissen, sondern auch ein feinfühliges Zusammenspiel von Gesellschaft, Politik, Jagd, Tourismus und Eigentum. Die untersuchten FWPs liefern wichtige Erkenntnisse, wie nachhaltiger Schutzwaldaufbau und gesellschaftlicher Konsens gelingen können – vorausgesetzt, Wissen, Verantwortung und Kommunikation werden aktiv gefördert.

Altaussee mit Berg im Hintergrund

Altaussee mit Berg im Hintergrund

© Th. Oedl-Wieser

Team

GRUENEIS, Heidelinde

DI.in Dr.in Heidelinde GRUENEIS

Berggebietsforschung und Regionalentwicklung
OEDL-WIESER, Theresia

Mag.a DI.in Dr.in Theresia OEDL-WIESER

Ländliche Sozialforschung und Bibliothek
TAMME, Oliver

M.Sc. Oliver TAMME

Berggebietsforschung und Regionalentwicklung
WIESINGER, Georg

DI Dr. Georg WIESINGER

Ländliche Sozialforschung und Bibliothek
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